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Schulanfang & Zuckertütenfest

schultuete-hist-1Die Anfänge des Schultütenbrauches sind verborgen wie der Inhalt der Schultüte selbst. Schmal wie die Spitze der Tüte beginnt eine Entwicklung, die sich mehr und mehr ausbreitet, bis das Ereignis nicht mehr zu übersehen ist. Zuerst durfte sich 1817 ein Kind in Jena über „eine mächtige Tüte mit Konfekt“ freuen, die ihm der Kantor überreichte.
1920 kaufte ein Vater heimlich eine Zuckertüte beim Konditor, um sie seinem Sohn dann durch den Schulrat überreichen zu lassen. Die grundsätzlich spitzen Tüten waren in den sechziger Jahren die normale Verpackung für Konfekt und Zuckerzeug. Man sollte also bei den beiden frühen Belegen nicht an Schultüten heutigen Formats denken.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Idee, seinem Kind den ersten Tag in der ja noch sehr strengen Schule zu versüßen, weiter ausgebreitet. 1853 war die „Zuckertüte“ schon Thema eines Kinderbuches. In diesem Buch wird auch gezeigt, dass die Tüten am Zuckertütenbaum wachsen, von dem sie dann abgepflückt werden dürfen. Diese Idee setzte sich durch, so dass noch heute wirkliche oder künstliche Bäume pünktlich zum Einschulungstag reife Zuckertüten tragen.

 

 

Schultütenangebot ca. um 1950

In den folgenden Jahren werden Hinweise auf Schultüten häufiger. Dabei sind Sachsen und Thüringen offenbar das Hauptgebiet, in dem das Schenken allmählich zu einem Brauch geworden ist. Sicher gab es Unterschiede in den sozialen Schichten, und manches Kind armer Eltern wird, wenn es überhaupt eine Schultüte bekam, statt Süßigkeiten Nützlichkeiten ausgepackt haben.

In anderen deutschen Gegenden wussten Kinder und Eltern noch nichts von dem, was sich in dieser Region tat. Noch berichteten die Zeitungen oder gar das Fernsehen nicht darüber, wie die ABC-Schützen den neuen Lebensabschnitt begannen. So reichten in Ostfriesland noch lange Rosinen oder Backpflaumen als kleine Belohnung für die Neulinge. Hessische Kinder freuten sich über verschiedene Arten Brezeln. Die meisten Hamburger Kinder bekamen bis in die zwanziger Jahre nichts.

 

 

Herstellung um 1994 im alten Gebäude in WiesaEntsprechend ihrer Ausbreitung konzentrierte sich auch die Herstellung auf Sachsen und Thüringen. Neben den aus Papierbogen gewickelten Tüten waren es wohl häufig Einzelanfertigungen, zum Beispiel von Buchbindern. Wohl im Jahr 1910 kam Carl August Nestler in Wiesa auf den Gedanken, in seinem Papierverarbeitungswerk serienmäßig Schultüten herzustellen. Die Firma gilt damit als erste Schultütenfabrik in Deutschland. Dabei sollte man statt Fabrik wohl eher Manufaktur sagen, denn aufgrund des Materials und der nötigen Handgriffe ist ein fabrikmäßiger Maschineneinsatz nicht möglich.

In ihrer Gestalt hat die Schultüte im Laufe ihrer Entwicklung einen entscheidenden Wandel durchgemacht. Waren die ersten Tüten nach alten Abbildungen noch aus gewickeltem Papier, so zeigt das erste bekannte Foto von 1879 schon die heute noch übliche kegelförmige Kartongestalt. Eckige Tüten gab es bereits in den zwanziger Jahren. Später war die sechseckige Tüte mit 85 cm Länge die Standardtüte für die Kinder in der ehemaligen DDR, während sich die Kinder der alten Bundesländer mit runden 70 cm zufrieden geben mussten.
Diese Vorlieben gibt es noch heute, allerdings werden die großen Sechsecke in den alten Bundesländern schon gesichtet.

 

Der Text „Geschichte der Schultüte“ wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Sammlung „Schulanfang“ von Herrn Hans-Günter Löwe, Hamburg.